15. Dezember 2014

Megatrend Personalisierung: Was kommt auf uns zu?

Es ist klar: Der digitale Journalismus erlaubt eine immer genauere Personalisierung des Angebotes. Unternehmen sammeln Unmengen an Daten, um uns massgeschneiderte Werbung anzuzeigen. Warum also nicht auch Inhalte massschneidern? Einen Grund gäbe es vielleicht, aber schauen wir zuerst uns an, wie die Personalisierung aussehen könnte.

Zeig mir (nur?), was mich interessiert

Ansätze erster Personalisierung sieht man bereits heute. Der Guardian hat in seiner Beta-Version z.B. einen Hide-Button für alle Rubriken hinzugefügt:

Auf der neuen Guardian-Seite lassen sich Rubriken aus- und einblenden

Was noch nicht klappt: Lade ich die Seite neu, ist wieder alles eingeblendet. Als Benutzer würde ich mir wünschen, dass der Guardian meine Auswahl speichert.

Auch watson bot einen ähnlichen Service während der WM 2014. Für mich als Fussball-nicht-Interessierter sehr angenehm:

Das ist noch äusserst rudimentär – ich finde es liegt auf der Hand, dass man das noch weiterspinnen könnte. Per Cookie oder per Login könnten User angeben, welche Themen sie interessieren und welche nicht.

Bereits die Startseite eines Newsportals könnte so aufgeräumter und übersichtlicher daherkommen. Aber auch die Inhalte, die neben oder unter einem Beitrag zum weiterlesen animieren sollen, können so besser zusammengestellt werden. Und klar: Gebe ich nichts an, versucht ein Medienunternehmen anhand meines Surfverhaltens zu erahnen, was mich interessiert.

Regionalisierung

Bei der Südostschweiz schon ganz lange angedacht, aber nur mässig erfolgreich umgesetzt: Jeder Besucher gibt an, wo er wohnt und erhält Nachrichten zu seiner Wohngemeinde.

Auch eine Form der Regionalisierung: Interaktive Karten (z.B. diese Unfallkarte). So kann ich nachsehen, was vor meiner Haustür passiert – das schliesslich das, was mich interessiert.

Nerv nicht so!

Gerade als Sport-Muffel erhalte ich dauernd Push-Meldungen auf mein iPhone, die mich überhaupt nicht interessieren. Jüngstes Beispiel: 4 Pushs innerhalb von 2 Stunden zur Verlosung der Champions-League Achtelfinales. Oder gestern: Über 5 Pushs in 2h zu den Sport-Awards (Wayne?!)

Auch hier möchte ich gerne angeben können, welche Themen mich interessieren und welche nicht. Watson wagt auch hier erste Schritte, zwar nicht bei den Push-Meldungen, aber auf der Website. Abonniere ich ein Thema sagt mir Watson: «Neue Artikel zum Thema erscheinen in ‹Mein watson› – Benachrichtigung über die W-Bubble links unten.»

Auch der gute alte Mail-Newsletter liesse sich individualisieren. Bei der Anmeldung setze ich einen Haken bei jenen Rubriken, die mich interessieren und wie oft ich ihn gern erhalten würde.

Kurze Frage an dieser Stelle: Benutzt jemand noch RSS Feeds? Der Google RSS Reader, wo man sich verschiedene Feeds in einer Übersicht zusammenstellen konnte, wurde von Google eingestellt.

Etwas Zukunftsmusik gefällig?

Bisher haben wir nur über die Darbietung von Artikeln unterhalten. Hier einige Ideen, wie man die Inhalte personalisieren könnte. Zugegeben etwas arbeitsintensiv:

Text für Laien / Experten
slider-zusatzinfos

Auf Wunsch zwischen einfacher und anspruchsvollerer Version wechseln

Man könnte einen Inhalt (z.B. im Wirtschaftsressort) einmal für Experten und einmal für Laien schreiben. Je nach Vorwissen wählt der Besucher sein «Niveau».

Eine Expertenmodus «light» könnte heissen, dass man sich gewisse Abschnitte ein- und ausblenden könnte. Man müsste die Artikel folglich in Kapitel unterteilen, die in sich verständlich sind.

Das sollte man so oder so. Die erste «Personalisierung» findet nämlich ob man’s will oder nicht bereits heute statt, indem der Besucher eine Seite überfliegt und nur jene Kapitel ganz liest, die ihn interessieren.

Schnell, mittel, ausführlich

Al-Jazeera bietet den Usern ihrer App zu einer Geschichte «from 6second headlines videos, through to 3min explainers and up to 7min documentaries» – also drei Videos mit unterschiedlicher Länge an.

Sowas ist auch für andere formen wie Text denkbar. So könnten die langen Texte dramaturgisch sauber aufgebaut werden (z.B. Spannungsbogen vs. Wichtigstes zuerst).

Wo ist der Haken?

Hat das Ganze auch Nachteile? Nun man könnte sagen:

Wenn ich nur noch angezeigt bekomme, was mich interessiert, erweitere ich meinen Horizont nicht mehr.

Eine Art Personalisierung findet ja auch auf sozialen Netzwerken statt. Man tendiert dazu, sich Freunde zu suchen (auch auf Facebook), die ähnlich ticken wie man selbst. Ich teile und finde auf sozialen Netzwerken eher jene Themen, die ich und meine Freunde wichtig finden.

Andere Themen oder Ereignisse, die ebenfalls wichtig für die Gesellschaft, für die Demokratie sein könnten, werden mir allenfalls gar nicht mehr angezeigt und ich vergesse, dass es sie gibt.

 

Eine echte Gefahr? Was denkt ihr? Und vor allem: Habt ihr weitere Ideen für eine Personalisierung von journalistischen Inhalten?